Mercer Deutschland,Frankfurt, 24.02.14Foto:Tim Wegner

BGM ist in Deutschland gescheitert

Gesundheit&Management im Gespräch mit Prof. Dr. Volker Nürnberg, Leiter Health Management der Mercer Deutschland GmbH.

G&M: Warum ist Ihrer Meinung nach das BGM in Deutschland gescheitert?

Wenn man sich die Anzahl der Unternehmen anschaut, so sieht man, dass nicht mal 50% der Unternehmen ein BGM anbieten. Geht man dann in die Unternehmen, die BGM anbieten, so wird deutlich, dass nur ca. 20% der Belegschaft an Maßnahmen teilnehmen. Wenn überhaupt!

Und am schlimmsten ist: wenn wir hier genauer hinschauen, sehen wir, dass wir eigentlich nur die Gesunden ansprechen. Mitarbeiter mit erhöhten Risikofaktoren oder die chronisch Erkrankten erreichen wir nicht mit dem BGM.

Es ist uns nicht gelungen, die Zielgruppen anzusprechen, die es nötig haben. Und aus diesem Grund ist es gescheitert.

G&M: Warum erreicht man diese Zielgruppe nicht?

Es fehlt an der richtigen Ansprache. Man muss die Mitarbeiter dort und so abholen, wie sie sind. Und auch innovative Wege gehen. Bspw. die Männer. Diese erreicht man am besten über webbasierende Maßnahmen oder über Apps auf dem Handy. Stichwort Gamification: Spielerische Maßnahmen und Wettbewerbe. Für diese Zielgruppe müssen exzentrische und materielle Anreize wie Boni angeboten werden.

Zudem kommt noch das Bildungsproblem hinzu. Je höher die Bildung, desto gesundheitsbewusster sind die Menschen. Gerade Menschen mit geringer Bildung müssen über webbasierte Maßnahmen erreicht werden. Diese haben den Vorteil, dass sie auch in unterschiedlichen Sprachen programmiert werden können.

G&M: Bieten Unternehmen ein „richtiges“ BGM an, oder nur BGF?

Es gibt nur wenige Unternehmen, die Maßnahmen anbieten, die wirklich ganzheitlich und nachhaltig sind. Kooperationen mit Fitnessstudios sind „nice to have“, aber machen lediglich die Gesunden noch gesünder. Dies hat aber in der Masse keine nachhaltige Wirkung. Viele Unternehmen haben somit noch einen großen Nachholbedarf.

G&M:  BGMler sprießen momentan wie Pilze aus dem Boden. Laut Ihrer ersten Aussage wäre dieser Berufszweig eine „brotlose Kunst“?

Die Gefahr besteht darin, dass der Begriff Betrieblicher Gesundheitsmanager nicht geschützt ist. Der Zusatztitel kann von vielen erworben werden. Ob jemand dann dadurch qualifiziert ist, bezweifle ich. Um BGM machen zu können, bedarf es einer großen Erfahrung, da jedes Unternehmen anders ist. Oft haben die BGMler keinen ganzheitlichen Ansatz. Viele Selbstständige können nur einen gewissen Bereich abdecken.

G&M: Wie relevant ist das BGM für das Employer Branding? Können sich das nur die „Großen“ leisten?

Aufgrund des demographischen Wandels werden wir in einen großen Fachkräftemangel kommen. Unternehmen werden nur noch konkurrenzfähig sein, wenn sie einen Mehrwert bieten können. Das Unternehmen, das hier nichts bieten kann, verliert den  „war for talents“. Dies ist sowohl bei der Akquise als auch bei der Mitarbeiterbindung, die fast noch wichtiger ist, von Bedeutung.

G&M: Laut dem neuen Präventionsgesetz soll vermehrt auf die Gesundheit in den Lebenswelten geachtet werden. Fördert das neue Gesetz die Einführung eines BGM in den Unternehmen?

Über das Präventionsgesetz müssen die Krankenkassen mehr Geld ausgeben. Ob das 1:1 in den Unternehmen ankommen wird, ist schwer zu sagen. Schwerpunkt werden aber wahrscheinlich andere Settings wie Kitas oder Schulen sein. Das ist auch wichtig. Denn zum einen werden in den ersten Lebensjahren gesundheitliche Grundlagen gesetzt und zum anderen gilt es dem sozialen Ungleichgewicht entgegenzuwirken. Daher ist der Setting orientierte Ansatz wichtig. Für die Betriebe wird es auch eine Unterstützung geben, aber diese wird nicht sehr hoch ausfallen.

G&M: Kommen wir nochmal zurück zu webbasierten Maßnahmen. Sehen Sie die Zukunft im digitalen BGM?

Nein! Ich sehe das differenziert. Eine digitale Kommunikation kann keine reale ersetzen. Aber es ist ein zusätzlicher Motivator, auch für eine Erstansprache, um Menschen zu sensibilisieren. Bei webbasierten Angeboten muss man jedoch genau auswählen. Automatisierte Programme mit allgemeinen Lösungen bringen nichts. Zudem müssen reale Kontakte vorhanden sein. Mitarbeiter müssen sich austauschen können wie z.B. in Communitys oder Chatrooms.

G&M: Welche Chancen sehen Sie in digitalen Instrumenten?

Der Markt für webbasierte Angebote steigt momentan immens an. Groß angesagt sind „Wearable“, mit denen Vitalparameter, Ess- und Bewegungsverhalten erfasst werden. Diese webbasierten Wearables-Lösungen werden zurzeit nur von den Sportlichen genutzt. Viel wichtiger und interessanter wäre der Einsatz bei chronisch Kranken, um verschiedene Erkrankungen abzudecken. Über die Wearables könnten Messung der Herzfrequenz, Aufzeichnen von Bewegungsverhalten, usw. erfasst werden. Auch Notfalllösungen könnten integriert werden. Bereits in wenigen Jahren wird man über das Handy den Blutzucker messen können. Oder über einen Screenshot die Feuchtigkeit des Auges ermitteln können.

G&M: Thema Industrie 4.0: was bedeutet das für das BGM?

Es ist schwierig, eine genaue Prognose herzustellen. Ich denke, wir werden immer Menschen brauchen. Es verändert sich immer vieles, was unter Gesundheitsaspekten kritisch zu betrachten ist. Was mir Sorge macht, ist dass das Privat- und Berufsleben immer weiter ineinander übergehen. Dies  geschieht aufgrund der mobilen Geräte, die immer mehr zum Einsatz kommen. Aber auch dadurch, dass man immer mehr von zuhause arbeitet und das Wohnzimmer zum Büro wird. Da sehe ich Gefahren in der Industrie 4.0. Wir müssen darauf achten, dass die Menschen die Maschinen dominieren und nicht umgekehrt. Diese dürfen nicht noch weiter unsere Zeit und Taktung bestimmen.

Natürlich bringen Verbote zu Nutzungen von mobilen Geräten nichts (bspw. das Abschalten von Diensthandys). Mitarbeiter fühlen sich dadurch nur entmündigt. Dies gelingt nur durch Überzeugung sowohl seitens des Arbeitnehmers als auch des Arbeitgebers. Stichwort Verhaltens- und Verhältnisprävention.

G&M: Vielen Dank für das Interview!

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Vera Fathi

Autorin bei Gesundheit & Management. Expertin für Gesundheitsförderung und Betriebliches Gesundheitsmanagement.