Erfolgreiches Gesundheitsmanagement im Krankenhaus

Paulinenkrankenhaus senkte nicht nur den Krankenstand, sondern bindet auch Pflegekräfte

Krankheitsbedingte Fehlzeiten nehmen in Krankenhäusern seit Jahren zu – allen voran bei Pflegekräften. Vor allem die Zunahme der psychischen Erkrankungen ist ein Alarmsignal. Dem Paulinenkrankenhaus ist es gelungen, den Krankenstand durch ein systematisches Gesundheitsmanagement dauerhaft zu senken. So macht auch die Arbeit mehr Spaß.

Viele Krankenhäuser scheuen den Aufwand und die Kosten für ein betriebliches Gesundheitsmanagement beziehungsweise sind skeptisch, ob Gesundheitsmaßnahmen für Beschäftigte tatsächlich den Krankenstand senken können. Nicht so im Paulinenkrankenhaus in Berlin mit 148 Betten, in dem jährlich fast 3000 Patienten stationär behandelt werden: Die Verantwortlichen haben erkannt, dass sie auf ihre größte Berufsgruppe besonders angewiesen sind: „Technologisch gesehen sind wir zwar ein sehr gut ausgestattetes Unternehmen, das einen guten Ruf in der Hauptstadt hat. Trotzdem sind die Bewerberzahlen in den vergangenen Jahren zurückgegangen, und vor diesem Hintergrund war es wichtig, die Arbeitsfähigkeit des Pflegepersonals zu erhöhen“, sagt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Ute Hennig. Um diese wichtige Zielgruppe bis zum Rentenalter gesund und leistungsfähig zu halten, wurde vor rund zwei Jahren innerhalb eines Führungscoachings gemeinsam mit allen Stationsleitungen beschlossen, in deren Gesundheitsförderung zu investieren.

Gesundes Verhalten fördern – aber wie?

Mit dem Beschluss der Krankenhausleitung fiel Anfang 2014 der Startschuss für das Projekt, das mit externer Unterstützung erfolgreich umgesetzt wurde: Dr. Irene Preußner-Moritz, Gesundheitscoach und Inhaberin der Berliner Unternehmensberatung SMEO Consult GmbH, wurde für die folgenden zwei Jahre mit der Durchführung gesundheitsfördernder Maßnahmen für insgesamt 170 Pflegekräfte beauftragt. Ute Hennig: „Unser vorrangiges Ziel war es, die Arbeitsbelastungen zu verringern und die Motivation unserer Leistungsträger zu verbessern. Die Zusammenarbeit mit Irene Preußner-Moritz hat sich aus unserer Sicht mehr als ausgezahlt. Dass wir sogar den Krankenstand in so kurzer Zeit senken konnten, hätten wir uns zu Beginn des Projekts nicht vorstellen können. “

Erster Schritt: Belastungen reflektieren

Im Februar 2014 führte die Unternehmensberaterin auf allen Stationen Arbeitssituationsanalysen durch: Mit abteilungsübergreifenden Pflegekräfte-Teams erörterte sie gesundheitsbelastende Faktoren sowie vorhandene Ressourcen. „Das Workshop-Format ist ein effizientes Verfahren, das auf eine schnelle Umsetzung zielt.“ `Was macht Euch die Arbeit schwer?` und `was würde zu Eurem Wohlbefinden beitragen?` Die Pflegekräfte wurden in die Lage versetzt, eigene Belastungen zu hinterfragen. Bei der Analyse kam heraus: Das Einspringen für fehlende Kolleginnen und die Übernahme von Aufgaben junger Ärzte setzte viele Pflegekräfte permanent unter Zeitdruck. Hinzu kommen die körperlich anstrengende Arbeit im Schichtdienst und das insgesamt als zu hoch empfundene Arbeitsaufkommen. Auch Pausen wurden gar nicht bis unregelmäßig gemacht, was insgesamt zur Erschöpfung und latenter Unzufriedenheit führte.

Keine Leistung ohne Pausen

Zu viel Arbeit, Termindruck und die Sorge, Kollegen mit zusätzlichen Aufgaben zu belasten, zählen zu den häufigsten Gründen, auf Erholungszeiten zu verzichten. Dr. Preußner-Moritz: „Studien zeigen, dass der Mensch nicht darauf angelegt ist, ohne Unterbrechung auf Dauer zu arbeiten. Wer keine Pausen einlegt, wird sich gegen Ende des Tages nicht mehr konzentrieren können und eher Fehler machen.“ In den Workshops ermutigte die Beraterin die Pflegekräfte dazu, eigene Vorschläge für Pausenlösungen einzubringen, ganz nach der Devise: Wer eigene Ideen einbringt, ist auch motivierter, diese umzusetzen. Ein Vorschlag war zum Beispiel der Einsatz eines Springers, vor allem für den Nachtdienst, der Pflegekräfte während der Pausen vertritt. Patienten und deren Angehörige mittels eines Infoblattes und eines Aushangs über den Tagesablauf der Stationen und der Pausenzeiten zu informieren, war ein weiterer Vorschlag. Auch die Aufenthaltsräume des Pflegepersonals sollten gemütlicher gestaltet und mit bequemeren Stühlen ausgestattet werden.

„Jedes Unternehmen muss die eigenen Maßnahmen finden, die zur Belastungsreduzierung beitragen. Gerade der Weg dorthin ist schon Teil der Lösung.“ Diesen Veränderungsprozess erfolgreich zu steuern, ist das Verdienst der SMEO-Beraterin. Dazu die Pflegedienstleitung: „ Wir hatten den Eindruck, dass wir von ihrer breiten Erfahrung sowohl betriebliche als auch individuelle Veränderungsprozesse effizient zu gestalten, sehr profitierten.“

Ute Hennig, stellvertretende Pflegedienstleitung, Paulinenkrankenhaus

Ute Hennig, stellvertretende Pflegedienstleitung, Paulinenkrankenhaus

Die Beratung durch SMEO Consult hat zum Gelingen des Projekts erheblich beigetragen. Dr. Irene Preußner-Moritz hat uns professionell dabei unterstützt, dieses Projekt aufzuziehen, das unsere Erwartungen übertroffen hat. Unsere Pflegekräfte verhalten sich heute viel gesundheitsbewusster, sie sind dadurch motivierter und belastbarer. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist es wichtig, in das bestehende Personal zu investieren.

Erholungsinseln schaffen

Die äußeren Bedingungen für Pausen zu schaffen, war der erste und relativ einfache Schritt. Die Pflegekräfte dazu zu motivieren, diese tatsächlich auch zu machen, war eine harte Nuss, die es zu knacken galt. Im Oktober 2014 wurden kleine Arbeitsgruppen gebildet, damit sich die Pflegekräfte mit ihrer Einstellung zur Arbeit und den „inneren Hürden“ auseinandersetzen. In den Arbeitsgruppen gab es einen Austausch darüber, was die Pflegenden daran hindert, Pausen zu machen, wie sie mit der Unterstützung der Stationsleitung dafür sorgen können, sich besser zu erholen und ihrer eigenen „Verausgabungstendenz“ entgegenzuwirken. Die Unternehmensberaterin trainierte Leitsätze des positiven Denkens und Übungen zur Gelassenheit, die die Pflegekräfte als sehr hilfreiche Maßnahme für den Alltag empfanden. Bei vielen Teilnehmern setzte sich die Erkenntnis durch: Wenn ich die Arbeitsverdichtung durch regelmäßige Erholung unterbreche, arbeite ich effizienter, konzentrierter und mache weniger Fehler. „Und wenn ich in der Pause bin, brauche ich kein schlechtes Gewissen haben und meine Arbeit wird trotzdem wertgeschätzt“, sagt eine Pflegekraft.

Was im Kopf begriffen wurde, galt es nun praktisch umzusetzen. Die engagierten Leistungsträger mussten ein Bewusstsein für notwendige Erholungspausen und einen gesunden Egoismus erst entwickeln. Es galt, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Wir kümmern uns nicht nur um unsere Patienten, sondern auch um uns selbst und dafür sind wir selbst verantwortlich – das war eine wichtige Erkenntnis aus den im März 2015 durchgeführten Selbstpflege-Workshops, die ein wichtiger Baustein im Beratungsprozess darstellte. Die Teilnehmerinnen reflektierten darüber, welche Aufgaben wirklich notwendig sind, was weggelassen werden könnte und was es braucht, um sich auf das Wesentliche zu fokussieren.

Ungesunde Routinen aufgeben

War die Kultur im Paulinenkrankenhaus vor zwei Jahren vielerorts von einer „durchhalten-bis-zur-Rente- Einstellung“ geprägt, hat sich heute ein neues Verständnis für Gesundheit entwickelt. Die Pflegekräfte haben mehr Achtsamkeit für sich selbst, haben gelernt, ungesunde Routinen aufzugeben und erfahren, wie wichtig eine Pausenkultur ist, für die jeder Einzelne die Verantwortung trägt. Durch den Einsatz des Springers wurde im Nachtdienst eine deutliche Entlastung spürbar. „Dass wir den Krankenstand unter den Pflegekräften deutlich senken konnten, ist heute auch auf einen besseren Umgang mit den eigenen Ressourcen zurückzuführen. In einer wertschätzenden Atmosphäre hat die Unternehmensberaterin die Pflegekräfte dazu ermutigt, ihre eigenen Knackpunkte zu reflektieren. So konnten wir uns bereits in einem frühen Projektstadium auf die Themen fokussieren, die relevant waren und für die wir gute Lösungen gefunden haben“, sagt Pflegedienstleiterin Hennig.

Die ersten Meilensteine in Richtung einer Präventionskultur wurden erreicht. Die salutogene Unternehmenskultur trägt natürlich auch zur Arbeitgeberattraktivität bei. Um diese nachhaltig zu verankern, braucht es wiederholter Impulse und den Einbezug der gesamten Belegschaft: Nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Ärzte und Verwaltungsmitarbeiter müssen eingeladen und überzeugt werden, ihr Gesundheitsverhalten zu reflektieren und Gesundheitsschutz als gemeinsame Aufgabe in Angriff nehmen.

SMEO Consult-Geschäftsführerin Dr. Irene Preußner-Moritz ist Diplom-Psychologin, Neurosystemischer Businesscoach und Gesundheitscoach. Mit ihrem Beratungsteam entwickelt sie seit über acht Jahren erfolgversprechende Lösungen im Bereich Führung, Veränderung, Gesundheits- und Demografiemanagement. Zu den Kunden der Berliner Unternehmensberatung zählen mittelständische Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich, der IT Branche sowie der Öffentliche Dienst und die Gesundheitswirtschaft. Ihr Gesundheitsmanagementsystem wurde 2011 bei einem Kunden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2015 ist sie auch als Expertin für die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie tätig.

Kontakt: preussner-moritz@smeoconsult.de, http://www.smeoconsult.de

SMEO Consult-Geschäftsführerin Dr. Irene Preußner-Moritz

SMEO Consult-Geschäftsführerin Dr. Irene Preußner-Moritz

 

 

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Die HR-Journalistin schreibt im Auftrag von Beratungsunternehmen Fach- und Projektartikel. Ihre Schwerpunkte sind u.a. Mitarbeiterbindung und Betriebliches Gesundheitsmanagement.

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