Innere Kündigung: Eine Frage der Kultur

Präsentismus und innerer Kündigung den Kampf ansagen.

Quelle: Pixabay

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Die Arbeitswelt befindet sich in einem ständigen Wandel. Unternehmen und Beschäftigte müssen mit dem Tempo der Veränderungen mitgehen. Der flexible Mitarbeiter gilt als Idealbild des modernen Arbeitnehmers. Diese Erwartung stellt Beschäftigte vor große Herausforderungen. Versprechungen wie Home Office, Dienstwagen und durch die Firma gestellte mobile Endgeräte sollen das Gefühl geben, dass Unternehmen die notwendigen Voraussetzungen für das Gelingen einer guten Zusammenarbeit geschaffen haben. Aber gerade in einer der entschiedensten Faktoren, der Führungskultur,  hinken deutsche Unternehmen hinterher.

Die folgenden Untersuchungen bestätigen diese Sorge:    

Dem ersten Eindruck nach hat sich der Gesundheitszustand der Deutschen seit 1995, gemessen an der steigenden Lebenserwartung und dem Rückgang der Kindersterblichkeit, kontinuierlich verbessert. Ein näherer Blick zeigt jedoch, dies ist ein Trugschluss.
Zum einen liegt die Lebenserwartung der Deutschen trotz hoher Investitionen in die Gesundheit nach dem World Factbook lediglich auf Platz 28 und somit hinter Ländern wie Macau, Singapur und Andorra. Zudem sind die Menschen zunehmend durch Krankheiten belastet. Deutschland liegt bei der beschwerdefreien Lebenserwartung, einem wichtigen Index für den Gesundheitszustand der Erwerbsbevölkerung, bei den Männern mit 14 Jahren und bei den Frauen mit 11 Jahren deutlich hinter dem Spitzenreiter Schweden.

Die psychischen Belastungen sind auf einem bedenklich hohen Niveau. Zugenommen haben sowohl der Anteil als auch die Vielfalt an psychischen Belastungen. Psychische Erkrankungen sind die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen bzw. Arbeitsunfähigkeiten. Trotz des Rückgangs der Krankenstände in den letzten 39 Jahren stiegen psychische Erkrankungen von zwei auf 14,7 Prozent an (vgl. BKK Gesundheitsreport 2015). Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen haben sich von 2001 bis 2012 von bundesweit 33,6 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen auf 60 Millionen verdoppelt (vgl. Statistisches Bundesamt). Darüber hinaus verursachen psychische Störungen die längsten Fehlzeiten. Laut BKK Gesundheitsreport 2015 betrug die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit verursacht durch psychische Belastungen im Jahr 2014 39,1 Tage.
Psychische Störungen führen die Frühverrentungsstatistik an. In den letzten 21 Jahren stieg der Anteil von Personen, die aufgrund Psychischer Erkrankungen frühzeitig in Rente gehen mussten von 15,4 Prozent auf 43,1 Prozent an. Hierbei liegt das Durchschnittsalter bei 48,1 Jahren (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund 2015).

Psyga

Quelle: psyGA

 

 

Der Engagement-Index von der Unternehmensberatung Gallup warnt, dass Dienst nach Vorschrift und innere Kündigung in Deutschland weit verbreitet sind. Als wichtigste Auslöser konnten das Führungsverhalten, mangelnde Wertschätzung, fehlende Mitbestimmung und ungelöste Konflikte benannt werden (vgl. iga.Report 33). Die gesundheitlichen Auswirkungen können für die Beschäftigten weitreichend sein. Empirische Untersuchungen zeigen eine Häufung von Depression, Sucht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Beschäftigten, die innerlich gekündigt haben.
Die noch unzureichend berücksichtigte Gesundheit der Beschäftigten kristallisiert sich zunehmend als einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Unternehmen heraus. Die gezielte Förderung von Gesundheit ist somit nicht nur im Interesse der Beschäftigten sondern ebenfalls im Interesse der Betriebe und des Staates.

Quelle: Gallup, Inc.

Quelle: Gallup, Inc.

Soll der beschriebenen Entwicklung entgegengewirkt und eine gesundheitsorientierte Unternehmenskultur aufgebaut werden, bedarf es eines Umdenkens beginnend in der obersten Führungsebene bis in die einzelnen Abteilungen und Beschäftigten. Gut messbare harte Kennzahlen wie fachliche Qualifikation und effiziente Prozesse stehen zurzeit im Vordergrund. Diese Messgrößen haben durchaus ihre Berechtigung. Dennoch ist ein Blick über den Tellerrand hilfreich. Weiche Faktoren, wie soziale Kompetenz und Betriebsklima in einem innovativen Schaffungsprozess finden noch zu wenig Berücksichtigung .
Orientieren sich Unternehmen lediglich an den harten Faktoren, fühlen sich Beschäftigte schnell abgehängt oder ungerecht behandelt und letztlich ohne Identifikation mit dem Unternehmen. Da diese Faktoren sich in dem meisten Unternehmen ähneln, ist ein Wechsel zur Konkurrenz, bei einer Zahlung eines höheren Gehalts (oder zynisch formuliert Schmerzensgeld), naheliegend. Der Schaden, der hierdurch einem Unternehmen entsteht, lässt sich zum einen durch prozessuale Faktoren beschreiben, wie Dauer der Vakanz, Einarbeitungszeit und Aufwand des Ausschreibungsprozesses. Deutlich größer ist jedoch der Schaden der durch eventuellen Wissensverlust und innerer Kündigung sowie dem damit verbunden Dienst nach Vorschrift entsteht. In einer Untersuchung bei der Firma Dow Chemical an der 12.397 Beschäftigte teilnahmen stellte sich heraus, dass dem Unternehmen jährlich pro Beschäftigten 661 $ durch Fehlzeiten (Absentismus) jedoch 6771 $ durch eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit entstehen (vgl. Baase 2007). Dabei führten Depression, Angstzustände und emotionaler Stress zu den höchsten Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit, aber auch Migräne und Kopfschmerzen.

Aus dieser Untersuchungen lassen sich wichtige Erkenntnisse ableiten:

Fehlzeiten oder Absentismus sind als alleinige Faktoren für den Gesundheitszustand absolut ungeeignet. Sie stellen lediglich die Spitze des Eisbergs da. Zudem sind diese Faktoren stark durch äußere Einflüsse wie die wirtschaftliche Situation des Unternehmens abhängig. Der Grund ist so banal wie einleuchtend. Beschäftigte, die Angst vor einem eventuellen Arbeitsplatzverlust haben, neigen dazu, sich seltener krank zu melden.
Vielmehr spiegelt das psychische Befinden das Wohlergehen der Beschäftigten wider. Es ist ein guter Maßstab für gute Führung und das Betriebsklima eines Unternehmens. Die Unternehmenskultur, -Klima und Führung sind Haupttreiber von Arbeitsfähigkeit, Erschöpfung und Fehlzeiten.
Die Befürchtung, dass durch ein Umdenken in den Unternehmen ein „Kuschelkurs“ gefahren würde und so kein wirtschaftlicher Erfolg möglich wäre, ist unbegründet. Vielmehr konnte nachgewiesen werden, dass Investitionen in das Sozial- und Humankapital sich ebenfalls positiv auf das Qualitätsbewusstsein auswirkt (vgl. Lükermann 2013).

Zudem besteht ein nachweislicher starker Zusammenhang zwischen dem Führungsverhalten, Unternehmenskultur, Betriebsklima und der Gesundheit der Beschäftigten. Die wahrgenommene Gerechtigkeit also der faire Umgang von Führungskräften mit den Mitarbeitern und untereinander ist von zentraler Bedeutung (vgl. Schwarting & Ehresmann 2013).

Eine mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur, die sich durch ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine angstfreien Umgang mit Konflikten auszeichnet, verringert Mobbing und das Phänomen der inneren Kündigung (vgl. Steinke et al. 2013).
Eine solche Kultur muss jedoch gelebt und kann nicht verordnet werden. Unternehmen die mit Angst und Misstrauen die intrinsische Motivation der Beschäftigten schwächen, sind ein Risiko für die Gesundheit der Mitarbeiter aber auch für die Existenz des Unternehmens.

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Benjamin Fathi

Gründer, Redakteur und Autor
Gründer, Redakteur und Autor bei Gesundheit & Management. Gesundheitsmanager und Sportwissenschaftler.