Neue Wege des Krankseins

Teilweise krankschreiben als eine Reaktion auf ein gesellschaftliches Phänomen.

Quelle: Pixabay

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Präsentismus beschreibt im Wesentlichen zwei Phänomene. Vereinfacht gesagt, kommen Beschäftigte krank zur Arbeit. Es ist davon auszugehen, dass dies dreimal häufiger der Fall ist, als die tatsächliche Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage eines Unternehmens. Hat bspw. ein Unternehmen im Schnitt 10 Arbeitsunfähigkeitstage pro Mitarbeiter, so schlummern zusätzliche 30 Tage Leistungsminderung durch Präsentismus unter dem Radar.

Ein weiterer Aspekt erscheint in diesem Zusammenhang immer wichtiger. Präsentismus beschreibt ebenfalls die Zunahme von chronischen Erkrankungen und die sich hieraus ergebene Notwendigkeit, trotz Erkrankung zu arbeiten. Dies ist ebenfalls ein Ergebnis einer alternden Gesellschaft, in der gerade ältere Beschäftigte wesentlich für das Bruttosozialprodukt beitragen werden.

Unser heutiges Gesundheitssystem hat genau hierauf noch keine Antwort. Zurzeit sind Beschäftigte krank oder gesund. Wenn es ganz schlecht läuft, werden Beschäftigte als befristet oder dauerhaft leistungsgewandelt (also schwerbehindert) eingestuft. Dieser Vorgang ist häufig langwierig und führt oftmals zu einem nicht zufriedenstellenden Ergebnis.

Der Sachverständigenrat Gesundheit hat nun ein Sondergutachten herausgegeben, in dem der Vorschlag einer „teilweisen Krankschreibung“ gemacht wird. Ziel der Krankschreibung soll eine Reaktion auf die oben beschriebenen Phänomene sein.

Ist zurzeit ein Mitarbeiter längere Zeit krank und möchte langsam zur Arbeit zurückkehren, besteht die Möglichkeit einer stufenweisen Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell. Hierbei gilt jedoch bis zum Abschluss der Wiedereingliederung der Mitarbeiter als krank. D.h. auch wenn der Mitarbeiter 75 Prozent arbeiten geht, bezieht dieser weiterhin lediglich das Krankengeld, was 70 Prozent des Bruttolohns beträgt. Folglich zahlt die Solidargemeinschaft weiterhin für den Mitarbeiter, obwohl die Firma bereits wesentlich von seiner Arbeitskraft profitiert.

Die „teilweise Krankschreibung“ kann hierauf eine fairere Lösung bieten. Die Idee ist folgende: Kann ein Mitarbeiter lediglich 50 Prozent arbeiten, so bezieht er für den halben Tag den vollen Lohn und für die andere Tageshälfte dann die 70 Prozent Krankengeld. Nach diesem Modell würde auch der Arbeitgeber profitieren, denn in den ersten sechs Wochen der Krankschreibung, bekäme der Arbeitgeber einen Teil der Arbeitskraft als Gegenleistung für die Lohnfortzahlung zurück.

Die „teilweise Krankschreibung“ soll lediglich das bestehende System ergänzen. Damit dies gelingt, darf die Möglichkeit einer „teilweisen Krankschreibung“ akut erkrankte Mitarbeiter nicht unter Druck setzen. Es gilt natürlich weiterhin den Präsentismus zu reduzieren, der auf akute Erkrankungen zurückzuführen ist.

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Benjamin Fathi

Gründer, Redakteur und Autor
Gründer, Redakteur und Autor bei Gesundheit & Management. Gesundheitsmanager und Sportwissenschaftler.