Präsentismus

Der Begriff Präsentismus stammt von Präsenz (Anwesenheit) ab und wird erstmals von dem Arbeitswissenschaftler Auren Uris verwendet. Im heutigen Verständnis beschreibt Präsentismus (1.) ein Phänomen, nach dem Arbeitnehmer trotz Krankheit arbeiten. Eine weiterer Ansatz legt den Schwerpunkt auf die (2.) Arbeitsproduktivität. Somit werden hier die Verluste betrachtet, die durch gesundheitliche Beeinträchtigungen insbesondere durch chronische Erkrankungen entstehen. Die alleinige Betrachtung des ersten Punktes führt zu der Annahme, dass das Phänomen „trotz Krankheit zu arbeiten“ eine zu korrigierende Fehlentwicklung sei. Der Dow Chemical-Studie nach leiden jedoch 65% der Befragten an mindestens einer chronischen Erkrankung. Demnach ist der Präsentismus eine gelebte gesellschaftliche Normalität.

Präsentismus wird in der Regel mit der Angst um den Arbeitsplatz in Verbindung gebracht. Insbesondere Untersuchungen von konjunkturschwachen Jahren unterstützen diese These. Hier sinkt häufig der Krankenstand signifikant. Korrelationsuntersuchungen belegen, dass tatsächlich die Mitarbeiter nicht weniger häufig erkranken, sondern lediglich seltener der Arbeit fernbleiben. Gründe für diese Entscheidungen sind vielschichtig. So werden Punkte wie „Loyalität gegenüber Kollegen“ aber auch „fehlende Eigenschaft ’nein‘ sagen zu können“ neben der Angst vor dem Arbeistplatzverlust genannt.

Ferner führt der demografische Wandel zu einer Verschiebung der chronischen Erkrankungen, denn mit zunehmenden Alter steigen auch die chronischen Erkrankungen wie Diabetes Mellitus Typ 2 (Altersdiabetes ), orthopädische Erkrankungen, Allergien, psychische Erkrankungen, Krebserkrankungen etc. Als Folge wird der Anteil leistungsgewandelter Mitarbeiter anwachsen. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass chronisch erkrankte Mitarbeiter auf Grund der Folgeschäden der Erkrankung ebenso der Arbeit fernbleiben wie leistungsbeeinträchtig am Arbeitsleben teilhaben werden.

An dem Präsentismus-Phänomen kann verdeutlicht werden, warum die alleinige Betrachtung des Krankenstand nicht ausreicht, um die Gesundheit eines Betriebes zu ermitteln. Betriebswirtschaftlich betrachtet erzeugt ein Mitarbeiter, der trotz Krankheit zur Arbeit erscheint ebenso hohe Kosten, wie wenn er sich zu Hause auskuriert. Studien, die im Rahmen eines Reviews der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) hinsichtlich der verursachenden Kosten analysiert wurden, kommen sogar zu dem Ergebnis, dass die durch Präsentismus verursachten Kosten, die des Absentismus übersteigen.

Als Fazit bleibt unter anderem das Augenmerk auf Konzepte des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu legen und hiermit den individuellen Bedürfnissen der alternden Belgeschaft gerecht zu werden. Diese regelmäßig zu überprüfen und letztlich die Anforderungsprofile den Bedürfnissen anzugleichen. Dies scheint ein probates Mittel zum Erhalt der Erwerbstätigkeit zu sein.

Namenhafte Autoren wie Badura empfehlen darüber hinausgehend einen Kulturwandel einzuleiten. Hierzu meint Badura : „Das psychische Befinden wird mit zur wichtigsten Voraussetzung für die Leistungsbereitschaft und Leistungsqualität.“ Somit können insbesondere Interventionen an der Mensch-Mensch-Schnittstelle diese positiv beeinflussen.  Badura plädiert: „Die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit – anstelle der bisherigen Kultur der Sorglosigkeit bzw. Unachtsamkeit – für das psychische Befinden der Mitarbeiter wird deshalbt unserer Auffassung nach zum zentralen Ziel betrieblicher Personal- und Gesundheitspolitik. „

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Benjamin Fathi

Gründer, Redakteur und Autor
Gründer, Redakteur und Autor bei Gesundheit & Management. Gesundheitsmanager und Sportwissenschaftler.