Ein mehrstufiges Verfahren

Quelle: Pixabay

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Welches Instrument eignet sich für welchen Betrieb?

Bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung empfiehlt sich grundsätzlich ein mehrstufiges Verfahren. Zur Grobanalyse gibt es orientierende Verfahren mit Checklisten und kurzen Fragenkatalogen. Stellen sich in bestimmten Tätigkeitsgruppen Auffälligkeiten heraus, erfolgen im Screening-Verfahren, der zweiten Stufe, z.B. Arbeitsplatzbegehungen und bei Bedarf in der 3. Stufe leitfadengestützte Mitarbeiter-Interviews durch Experten, die auf Basis der Ergebnisse Handlungsempfehlungen geben können.

Welches Instrument sich für das einzelne Unternehmen eignet, hängt auch von der Betriebsgröße ab: Bieten sich für größere Unternehmen eher Mitarbeiterbefragungen an, die unter anderem den Vorteil haben, dass eine größere Anzahl an Belastungsfaktoren abgefragt werden und Erfolge besser dokumentiert werden können, sind für KMUs eher Checklisten (zur Grobanalyse psychischer Belastungen) oder Workshops mit Vertretern der betroffenen Abteilungen beziehungsweise Tätigkeitsfeldern empfehlenswert. In den Workshops entwickeln die Mitarbeiter –möglichst sollten hier mehrere Mitarbeiter aus einem Tätigkeitsfeld miteinbezogen werden, damit Rückschlüsse auf einzelne Personen ausgeschlossen werden können – eigene Ideen zur Minimierung der jeweiligen Belastungen. Workshops sind vor allem für KMUs ein geeignetes niederschwelliges Format. Diese sollten möglichst durch professionelle, externe Moderatoren begleitet werden, damit Mitarbeiter offen über psychosoziale Arbeitsbelastungen sprechen können.

Fahrplan zur Durchführung
Generell sind bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastungen folgende acht Punkte zu beachten, wobei der Arbeitgeber diese auch zuverlässigen und fachkundigen Personen in deren eigenen Verantwortung übertragen kann, § 13 Abs. 2 ArbSchG:1. Einbindung in vorhandene Strukturen
Die Durchführung sollte in bereits vorhandene Strukturen (etwa dem Arbeitsschutzausschuss in Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten oder dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement) eingebunden werden. Das ist auch deswegen sinnvoll, weil eine einzelne Person mit der Durchführung der Beurteilung sicherlich überfordert wäre.2. Festlegung gleichartiger Arbeitsplätze und Tätigkeiten
Die Gefährdungsbeurteilung ist je nach Art der Tätigkeiten vorzunehmen, wobei bei gleichartigen Arbeitsbedingungen die Beurteilung eines Arbeitsplatzes oder einer Tätigkeit genügt, § 5 Abs. 2 ArbSchG. Konkret bedeutet dies, dass der Arbeitgeber nicht jeden einzelnen Arbeitsplatz beurteilen muss, sondern sich auf eine Beurteilung von Gruppen von Arbeitsplätzen bzw. Tätigkeiten beschränken darf. Hier reicht es aus, wenn zwar nicht alle Einzelheiten, aber die wesentlichen Arbeitsbedingungen übereinstimmen.

3. Erfassung der Belastungen
Da psychische Belastungen nicht mit Geräten messbar sind, können die Beschäftigten nur befragt (mittels Fragebogen), beobachtet oder interviewt werden. In kleineren Betrieben mit  10 bis 15 Beschäftigten sollte die Erfassung auf Diskussionsbasis erfolgen, etwa in Workshops. Erfasst werden sollten „Beanspruchungen“ (Tätigkeitsmerkmale), nicht aber „Belastungen“ (Wirkungen der Tätigkeitsmerkmale).Die Erfassung sollte anonym erfolgen und kann im orientierenden Verfahren (wenige Fragen mit „ja“ und „nein“-Antworten), Screening-Verfahren (ca. doppelt so viele Fragen wie im orientierenden Verfahren nebst mehreren Antwortmöglichkeiten) oder Experten-Verfahren (Beobachtungsinterviews unter Hinzuziehung etwa eines Arbeitspsychologen) erfolgen. Es empfiehlt sich hier ein gestuftes Vorgehen. Zunächst sollte im orientierenden Verfahren geprüft werden, ob Belastungen vorhanden sind. Ist das der Fall, erfolgt das Screening- und ggf. danach das Experten-Verfahren.

Wichtig ist, dass die Belegschaft von vornherein über die Erfassung informiert wird, um mögliche Ängste oder Befürchtungen abzubauen und eine positive Grundeinstellung herbeizuführen. Zudem sollten die Erfassungen anonym erfolgen.

4. Bewertung der Belastungen
Die Auswertung der Fragebögen und damit die Bewertung der Belastungen sollte idealerweise von einem externen darauf spezialisierten Unternehmen durchgeführt werden. Dabei empfiehlt es sich, im Vorfeld festzulegen, ab wann Maßnahmen als Folge der Auswertung ergriffen werden sollen. Das kann etwa sein, wenn zwei Drittel oder die Hälfte der Belegschaft eine bestimmte Belastung angeben oder aber, dass zunächst die drei meist genannten Belastungen reduziert werden.

5. Maßnahmen und deren Umsetzung
Sollen Maßnahmen zur Reduzierung der psychischen Belastungen ergriffen werden, kann dies in Kleingruppen mit 10 bis 12 Teilnehmern erarbeitet werden. Die Gruppen können von einem Verantwortlichen aus dem Unternehmen oder einer externen Person moderiert werden. Sinnvoll ist, wenn die Verantwortlichen zuvor für die Moderation geschult werden.

6. Kontrolle der Wirksamkeit der Maßnahmen
Für die Wirksamkeitskontrolle durch den Arbeitgeber können etwa das ursprüngliche Verfahren zur Erfassung der Belastungen wiederholt, neue Fragebögen erstellt (ankreuzen, ob Maßnahmen hilfreich, weniger hilfreich oder unzureichend sind) oder um eine schriftliche Rückmeldung der Beschäftigten gebeten werden, die in einen dafür aufgestellten betrieblichen Briefkasten einzuwerfen ist.

7. Dokumentation
Der Arbeitgeber muss auch das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung, die von ihm festgelegten Maßnahmen und das Ergebnis ihrer Überprüfung dokumentieren, § 6 Abs. 1 ArbSchG. Solche Unterlagen können zum Beispiel von der Berufsgenossenschaft oder vom zuständigen Gewerbeaufsichtsamt bzw. Staatlichen Amt für Arbeitsschutz kontrolliert werden.

8. Beteiligung des Betriebsrats
Existiert ein Betriebsrat, hat dieser bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung ein Mitbestimmungsrecht, § 87 Abs. 1 Nr. 7 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG). Dieses erstreckt sich auch auf die Art und Weise der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen.

((Quelle: Praxisleitfaden: Psychische Gefährdungsbeurteilung, UBGM- Unternehmensberatung Betriebliches Gesundheitsmanagement))

Hier finden Sie den Praxisleitfaden GBpsych.

Stefan Buchner, Geschäftsführer der UBGM, Unternehmensberatung für betriebliches Gesundheitsmanagement

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