Verhältnisprävention – Die Bedeutung des Milieus

Die Verhältnisprävention zielt nicht auf das Verhalten des Einzelnen, sondern auf die Verhältnisse, in denen der Mensch lebt. Der Vorteil: Präventionsprogramme können gezielt dort ansetzen, wo das Risiko am höchsten ist.

Spezielle Maßnahmen für spezielle Milieus

Um ihre Wirkung optimal zu entfalten, sollte Prävention auf die jeweiligen Gegebenheiten und das soziale Umfeld abgestimmt sein. Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit, die sich nicht so sehr am Verhalten des Individuums, sondern an den sozialen, ökonomischen, organisatorischen oder auch technischen Bedingungen des Lebensumfelds orientieren, werden unter dem Begriff der Verhältnisprävention zusammen gefasst.

Was „Verhältnisse“ im Sinne der Verhältnisprävention sind, ist sehr unterschiedlich. Maßnahmen zur Verringerung von Stress am Arbeitsplatz gehören genauso zur Verhältnisprävention wie Programme zur Verhinderung von Suchterkrankungen in bestimmten sozialen Schichten. Auch Projekte zur Stärkung der Frauen in Migrationsmilieus, gesundheitsbezogene Mentoring-Programme bei Kindern aus sozial benachteiligten Schichten oder spezielle Präventionsprogramme für Langzeitarbeitslose setzen an den Verhältnissen an. In der Realität werden Verhaltens- und Verhältnisprävention freilich häufig kombiniert. Gerade umfangreichere Präventionsprogramme nutzen meist beide Ansätze, um einen optimalen Erfolg zu erzielen.

Stark gegen die Sucht

Die Verhinderung von Suchterkrankungen bei Kindern und jungen Erwachsenen, die in Milieus aufwachsen, in denen sie mit Süchten konfrontiert sind, ist ein wichtiger Bereich der Prävention mit starker Verhältniskomponente. Ein in den USA gut etablierter Ansatz, der zunehmend auch in Deutschland verfolgt wird, besteht zum Beispiel darin, betroffene Familien gezielt zu stärken. In solchen Familienprogrammen geht es einerseits darum, den Kindern Wissen über das Thema Sucht in kindgerechter Weise nahezubringen. Die Kinder lernen auch, wie sie mit problematischen Situationen umgehen können, die in Familien mit Suchtkranken häufiger vorkommen. Die Präventionsbemühungen richten sich aber nicht nur auf das Kind und dessen Verhalten, sondern auch auf den Familienalltag und die Interaktion zwischen den Familienangehörigen, also auf die Verhältnisse, in denen das Kind lebt. Ziel ist es, einen bewussten und möglichst „sachlichen“ Umgang mit der Suchtproblematik in den betreffenden Familien zu erreichen, um auf diese Weise zumindest die Kinder vor dem Weg in die Sucht zu bewahren.

Gesund auf Arbeit

Klassische Verhältnisprävention sind auch Maßnahmen, die dazu beitragen, die Gesundheit am Arbeitsplatz zu erhalten. Der Job war jahrzehntelang einer der wichtigsten „Krankheitserreger“ in den Industrienationen. Das hat sich dramatisch geändert. Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und der Sicherheit von Arbeitnehmern gehören heute zu den Kernaufgaben der Arbeitgeberseite. Betriebsärzte wachen in größeren Betrieben über die Einhaltung der entsprechenden Regularien.

Die Politik hat wesentlich zur Durchsetzung dieser Art der Prävention beigetragen. Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gehören beispielsweise zu den wichtigsten Pfeilern der Sozialpolitik der Europäischen Union. So gibt es auf europäischer Ebene seit 1989 eine Rahmenrichtlinie zur Prävention und zum Gesundheitsschutz bei Arbeitnehmern, die die Grundlage für zahlreiche spätere Einzelrichtlinien bildete (89/391/EWG). Diese Richtlinie verpflichtet den Arbeitgeber unter anderem dazu, Gesundheitsrisiken zu bewerten, den Arbeitnehmer über Risiken zu informieren und Schulungsmaßnahmen zur Prävention am Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen.Trotz aller Fortschritte ist der Arbeitsplatz auch heute noch eines der zentralen Betätigungsfelder der Verhältnisprävention. Verbesserungsbedarf gibt es unter anderem bei kleinen und mittleren Unternehmen, wo derzeit 82 Prozent aller arbeitsbedingten Verletzungen und 90 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle passieren (Europäische Kommission). Eine neue Herausforderung sind auch die spezifischen gesundheitlichen Herausforderungen des Dienstleistungssektors. Hier geht es in vielen aktuellen Präventionsprojekten unter anderem um die Prävention gesundheitlicher Probleme des Bewegungsapparats und speziell der Wirbelsäule sowie um die Prävention psychischer Probleme wie etwa „Burn out“-Syndrome, bei denen die Patienten ausgebrannt und erschöpft sind.

Quelle:
BMBF

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Jan Wunderlich

Autor bei Gesundheit & Management.

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